Endlich gelungenes Feedback: Wie konstruktive Kritik und ehrliche Wertschätzung wirklich funktioniert

Mit Feedback ist das so eine Sache: Alle sprechen darüber und kaum jemand hat gelernt, wie es gut gelingt.

Echte Wertschätzung auszudrücken, ist eine großartige Möglichkeit, um deine Arbeitsbeziehungen zu stärken und die Zusammenarbeit in deinem Team zu verbessern.

Eine Möglichkeit, echte Wertschätzung auszudrücken, ist durch gut formulierte Komplimente.

Und ja, ich weiß, Komplimente zu verteilen, fühlt sich für viele von uns komisch an. Das ging mir lange Zeit auch so. Vielleicht bist du wie ich auch in einem Umfeld groß geworden, in dem es eher hieß „Nicht geschimpft ist auch gelobt“. Auch mir wurde das lange Zeit so vorgelebt und ich habe die gleiche Haltung unbewusst für mich übernommen und Feedback eher in Form von Kritik verteilt (sorry an mein damaliges Projektteam!).

Zum Glück ist das Thema Kommunikation und Feedback inzwischen gründlich erforscht. Gottmann empfiehlt für unsere Kommunikation ein Verhältnis von fünf zu eins. Sprich, wir senden fünf positive Botschaften und Komplimente  im Verhältnis zu einem kritischen Kommentar. Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, war ich richtig geschockt. Ich dachte: „Nie und nimmer halte ich das ein. Nicht mal annähernd.“ Und damit ging es mir wie vielen andern. Ein Glück kann man das lernen.

Wichtig: Damit ist nicht gemeint, dass wir auf jegliche Kritik verzichten sollen oder mit plattem Lob um uns schmeißen sollen. Das funktioniert nicht. Es geht viel mehr darum, den eigenen Fokus bewusst zu verschieben und Möglichkeiten für positives Feedback bewusst wahrzunehmen. Denn es gibt jeden Tag eine Vielzahl von Möglichkeiten, um Wertschätzung auszudrücken. Ob in der Kaffeeküche, mit einer persönlichen E-Mail oder einer kleinen Notiz.

Echte Komplimente sorgen für positive Emotionen wie Anerkennung, Zugehörigkeit oder Stolz, die unser Denken erweitern und soziale Bindung, Kreativität und Lernbereitschaft fördern. In einem Teamkontext bedeutet das konkret: Wer sich gesehen und anerkannt fühlt, agiert konstruktiver, flexibler und engagierter.

Wann hast du zuletzt ein echtes Kompliment bekommen? Im Job, privat – ganz egal. Nimm dir einen kurzen Moment, um dir ein Kompliment in Erinnerung zu rufen.

Bei mir war es vor circa einem Monat. Ein Coachee sagte am Ende unserer Sitzung zu mir:

„Ich fühle mich richtig leer im Kopf. Auf eine gute Art und Weise. Vor unserem Gespräch war mein Kopf so voll, dass ich dachte, er platzt gleich. Du hast mir geholfen, all das zu ordnen, und jetzt fühlt es sich richtig aufgeräumt an. Einfach, weil du mir zugehört hast. Das tut so gut. Ich glaube, ohne dich hätte ich das nicht geschafft.“

Ich habe mich riesig über das Kompliment gefreut, war stolz auf meine Arbeit und habe noch Tage später daran gedacht.

Anders als echte Komplimente sorgt Lob oft leider für das genaue Gegenteil. Doch was genau unterscheidet Lob von echten Komplimenten? Lasst uns das gemeinsam unter die Lupe nehmen:

Die verschiedenen Feedbackarten

Feedback und unser eigener Selbstwert hängen eng zusammen. Dweck (2011) unterscheidet zwei zentrale Feedbackarten, die in ihrer Wirkung auf unseren Selbstwert einen riesigen Unterschied machen:

Leistungsorientiertes Feedback

Das ist die Form von Feedback, die sich auf Ergebnisse fokussiert. Vielleicht kennst du das noch aus Schulzeiten. Du hast deine letzte Klassenarbeit zurückbekommen. Eine 2. „Klasse, toll gemacht!“. Oder auch „Oh*, eine 4+. Das ist ja nicht so toll. Weshalb keine 3‑?“*  Hier wird lediglich auf die Note geschaut.

Diese Art des Feedbacks unterstützt unseren Selbstwert, wenn es gut läuft und wir gute Ergebnisse – in dem Fall Noten – bekommen. Im Falle von schlechten Ergebnissen schadet es unserem Selbstwert. Leistungsorientiertes Feedback ist das, was wir häufig unter Lob verstehen. Häufig wirkt es wenig konkret, von oben herab und schaut nur auf das Ergebnis.

Ich selbst bin vor allem mit dieser Form von Feedback groß geworden. Vielleicht geht es dir ja ähnlich. Es gibt jedoch eine andere Art von Feedback, welche sich nicht nur auf das Ergebnis, sondern den gesamten Prozess bezieht.

Prozessorientiertes Feedback

Wie der Name schon sagt, wird sich im Rahmen von prozessorientiertem Feedback nicht nur das Ergebnis, sondern der gesamte Kontext angeschaut, in dem dieses Ergebnis – sprich die Note – entstanden ist. Wie viel Mühe und Aufwand hast du vorab ins Lernen gesteckt? Wie schwer fällt dir dieses Fach? Wie gut fallen die Klassenarbeiten in der Regel aus? Wie streng ist der Lehrer?

Wenn du also eine 2 mit nach Hause bringst, hörst du eher Sätze wie “Oh klasse – da hat sich deine Mühe ja diesmal echt gelohnt!” oder “Wow, sind Klassenarbeiten bei Herrn Meyer nicht besonders schwierig?”

Prozessorientiertes Feedback motiviert und stärkt unsere Beziehungen. Für mich ist das prozessorientierte Feedback ein Baustein für richtig gute Komplimente. Und vielleicht hast du es schon gemerkt. Mein Coachee hat genau diese Feedbackart genutzt, um mir ein Kompliment auszusprechen.

Und anders als leistungsorientiertes Feedback wirkt es sowohl bei Erfolgen als auch bei Misserfolgen positiv. Denn diese Form des Feedbacks schaut auf unseren eigenen Beitrag, lässt uns dadurch Selbstwirksamkeit erfahren und gibt uns das Gefühl, handlungsfähig zu sein.

„Du hast diesmal eine 4+. Kann es sein, dass du dieses Mal später mit dem Lernen angefangen und dich weniger gründlich vorbereitet hast? Wie möchtest du das beim nächsten Test machen?“

Entwicklungsförderndes Feedback: eine Aufwärtsspirale

Blickhan und Sauter haben ein Modell entwickelt, welches diese unterschiedlichen Arten von Feedback ganz wunderbar darstellt, in Form von einer Matrix.

Dabei wird zwischen zwei Dimensionen unterschieden: einmal zwischen der Ausprägung des Feedbacks. Also zwischen negativem und positivem Feedback. Die zweite Dimension blickt auf unser psychologisches Wohlbefinden. Hier unterscheidet die positive Psychologie zwischen Verkümmern (languishing) und Aufblühen (flourishing).

Enwicklungsförderndes Feedback ist im oberen Teil der Matrix dargestellt. Hier wollen wir uns bewegen. Denn sowohl konstruktive Kritik als auch ehrliche Wertschätzung sind prozessorientiertes Feedback. Nutzen wir diese Art von Feedback, katapultieren wir uns in eine Aufwärtsspirale, die uns wachsen lässt, unser Vertrauen zueinander stärkt und uns engagierter werden lässt.

Feedback Matrix in Anlehnung an Blickhan & Sauter 2018

Vielleicht fragst du dich jetzt: Aber wie genau formuliere ich konstruktive Kritik und ehrlich gemeinte Komplimente?”. Ich habe dir zwei Checklisten und ein paar Beispiele mitgebracht an denen du dich entlang hangeln kannst:

Schritt-für-Schritt-Anleitung für konstruktive Kritik

1 Beschreibe die konkrete Situation und die von dir beobachtete Verhaltensweise deines Kollegen bzw. deiner Kollegin.

In unserem Termin heute Morgen warst du still und hast dich während der Diskussion nicht zu Wort gemeldet.

2 Lege die Kriterien offen, die dazu führen, dass du das Verhalten als kritisch bewertest.

„Auf mich wirkst du in solchen Momenten unbeteiligt und desinteressiert. Wenn ich dich direkt anspreche, bringst du neue Punkte ein, die ich als wertvoll für unsere Diskussion empfinde. Ich weiß also, dass du etwas zur Diskussion beitragen kannst.”

3 Beschreibe die Auswirkungen seines oder ihres Verhaltens auf dich, das Team oder das Unternehmen als Ich-Botschaft.

Wenn du schweigst, verärgert mich das, weil unsere Zeit knapp ist und ich unsere gemeinsamen Meetings effizient gestalten möchte.”

4 Aüßere einen Wunsch für alternativen Verhaltensweisen in Form einer Ich-Botschaft oder entwickelt gemeinsam im Gespräch alternative Verhaltensweisen.

Du hast oft richtig gute Ideen und ich wünsche mir, dass du dich auch bei dem Thema X proaktiv einbringst, damit wir alle von deinen Ideen profitieren können.” 

Oder

„Was brauchst du, um dich noch stärker in unsere Termine einbringen zu können?”

Extra-Tipp: Vermeide die Adjektive „immer” und „nie”. Sie wirken häufig wie Brandbeschleuniger, feuern Konflikte richtig an, katapultieren euch direkt in die Abwärtsspirale und sorgen für Widerstand und Verteidigung. Nutze stattdessen die Adjektive noch nicht” und „wieder”. Sie sind weniger absolut und zeigen, dass sein oder ihr Verhalten auch schon einmal anders war.

Beispiele: „… deine Ideen höre ich noch nicht so häufig” oder „… dich wieder mehr einbringen.”

Beschreibe die Wirkung und den Beitrag, die dieses Verhalten auf dich oder dein Team hat

Fünf Zutaten für ehrliche Komplimente

Richtig gute Komplimente bestehen aus verschiedenen Zutaten. Es gibt eine Basiszutat und vier Toppings. Sie helfen dir dabei, Komplimente zu formulieren, die sich echt anfühlen. Ich verspreche dir, du wirst Spaß dabei haben, sie zu verteilen. Probier es aus:

Basiszutat: Beschreibe die konkrete Situation und die von dir beobachtete Verhaltensweise deines Kollegen bzw. deiner Kollegin und

Topping 1: Vermute Fähigkeiten & Kompetenzen und melde diese zurück.

„Du hast heute mehrfach nachgefragt, als sich sonst niemand getraut hat, Fragen zu stellen. Dein Mut (Kompetenz) in solchen Situationen sorgt für ein gemeinsames Verständnis und bessere Ergebnisse (Beitrag). Du bereicherst damit jedes Meeting.“

Topping 2: Bennene den Beitrag für dich, für euer Team oder euer Unternehmen.

„Du hast heute mehrfach nachgefragt, als sich sonst niemand getraut hat, Fragen zu stellen. Das hat mir den Mut gegeben auch etwas zu sagen (Beitrag).“

Topping 3: Wertschätze Arbeit, Mühe und Aufwand (prozessorientiertes Feedback).

„Du machst Sachen so gewissenhaft, dass man sich 100% darauf verlassen kann: Wenn es durch deine Hände gegangen ist, ist es Gold. Ich liebe es, mit dir zusammenzuarbeiten dafür.“

Topping 4: Beschreibe die Fähigkeiten und Skills auch aus den Augen anderer.

„Deine Teammitglieder müssen unglaublich froh sein, dich dabei zu haben (aus den Augen anderer). Deine Genauigkeit und deine Präzision (Fähigkeiten). Das ist eine wahre Bereicherung.“

Du kannst auch mehrere Toppings für ein richtig gutes Kompliment mischen: „Du hast dir heute in der Mittagspause Zeit genommen (Aufwand & Mühe), um Anna zuzuhören, die gerade echt viel auf dem Tisch hat. Sie und alle anderen müssen unglaublich froh sein, dich im Team zu haben (aus den Augen anderer). Dein offenes Ohr ist Gold wert (Beitrag).“

Es ist also ein bisschen wie beim Kochen. Probier es einfach aus.

Dabei kannst du dir merken: Richtig gute Komplimente

  • beziehen sich auf eine konkrete Situation
  • beziehen sich auf den Beitrag statt auf das Ergebnis
  • teilst du am besten unmittelbar in oder nach der Situation

Mein Coachingimpuls für dich

Was findest du an deinen Teammitgliedern bewundernswert? Sag’ es Ihnen. Mach einem deiner Kolleginnen oder Kollegen ein Kompliment. Misch die Zutaten und probier dich aus. In welcher Form auch immer: Ob im persönlichen Gespräch oder per WhatsApp. Alles ist erlaubt. Wichtig ist nur. Fang HEUTE an.

Und nimm dir vor, diese Woche jeden Tag mindestens ein Kompliment auszusprechen.

Denk immer daran: 5 zu 1 ist die Zauberformel!

Quellen zum Weiterlesen:

Entwicklungsförderndes Feedback: Blickhan, D. (2018): Positive Psychologie – ein Handbuch für die Praxis

Konstruktive Kritik: Cameron, K. (2013): Practicing Positive Leadership: Tools and techniques that create extraordinary results

Selbstbild: Dweck, C. (2011): Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt


Lisa Kohlrusch

Systemische Coach, Beraterin & Mediatorin

Meine Mission: Menschen dabei zu helfen, gelungene Gespräche zu führen. Im Job und Privat.

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